Forderungen nach sofortiger Barrierefreiheit im Opferschutz
Aktuelle Studien zeigen: Frauen mit Behinderungen sind deutlich häufiger von Gewalt betroffen als die Allgemeinbevölkerung. Ihre Erfahrungen sind komplex und eng mit Abhängigkeitsverhältnissen verknüpft. Trotz des erhöhten Risikos stoßen Betroffene im Opferschutz auf massive Barrieren – von fehlender baulicher Zugänglichkeit bis hin zu mangelnden Informationen in Leichter Sprache. Es besteht dringender Handlungsbedarf, um strukturelle Gewalt zu beenden und den Zugang zu Unterstützungseinrichtungen sicherzustellen.
Die alarmierende Situation: Gewalt im Schatten der Behinderung
Die systematische Erfassung von Gewalterfahrungen in Österreich zeichnet ein erschreckendes Bild: Menschen mit Behinderungen sind signifikant häufiger betroffen als Menschen ohne Behinderungen. Frauen mit Behinderungen erleben sogar zwei- bis dreimal häufiger psychische, physische und sexuelle Übergriffe als Frauen in der Durchschnittsbevölkerung. „Besonders komplex sind die Gewalterfahrungen von Frauen mit Behinderungen, da sie oft unmittelbar mit der Behinderung zusammenhängen und durch Abhängigkeitsverhältnisse verstärkt werden. Das Risiko ist besonders hoch, wenn Unterstützung bei Grundbedürfnissen wie Körperpflege notwendig ist“, erklärt Meryem Altun-Venier, zuständig für Empowerment in der Lebenshilfe Tirol. „Obwohl umfassende Studien vorliegen, bleibt das Thema gesellschaftlich tabuisiert. Gewalt wird häufig ignoriert oder nicht als solche erkannt.“
Barrieren im Unterstützungssystem
Gewaltbetroffene Frauen mit Behinderungen stoßen im Opferschutz auf massive Hürden. Sie werden diskriminiert und erhalten oft nicht die Unterstützung, die ihnen zusteht. Die Gründe dafür sind vielfältig: Neben baulichen und infrastrukturellen Hindernissen fehlt es häufig an vollständig zugänglichen Informationen, und auch das Wissen über die spezifischen Gewaltsituationen von Frauen mit Behinderungen ist unzureichend.
Wege aus der Gewalt: Was jetzt getan werden muss
Die Lebenshilfe Tirol fordert, dass die Würde und das Recht auf ein gewaltfreies und selbstbestimmtes Leben von Frauen mit Behinderungen konsequent in den Mittelpunkt gestellt werden. Dazu gehört die vollständige Umsetzung von Barrierefreiheit auf allen Ebenen – von der Bereitstellung von Informationen in Leichter Sprache bis hin zur baulichen Zugänglichkeit. Ebenso müssen Empowerment und Selbstbestimmung gezielt gefördert werden, während gleichzeitig der Zugang zu juristischer und sozialer Unterstützung gesichert wird, damit Frauen mit Behinderungen die Möglichkeit haben, sich aus Gewaltdynamiken zu befreien.
Lebenshilfe Tirol setzt auf Prävention
Die sexualpädagogischen Fachkräfte der Lebenshilfe Tirol bieten für Klientinnen und Klienten verschiedene Angebote, um dem Thema (sexueller) Gewalt an Frauen mit Behinderung zu begegnen. In unterschiedlichen Settings (z.B. Einzelberatung, Workshops für Frauen mit Behinderung, Fallbesprechungen, Schulungen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter) werden Inhalte zu dem Thema vermittelt. „Diese zielen darauf die Klientinnen und Klienten der Lebenshilfe darin zu bestärken, sexuelle Übergriffe zu erkennen, zu benennen und zu verhindern“, so Kathrin Gietl, Sexualpädagogin der Lebenshilfe Tirol abschließend.