Vor 60 Jahren wurde die Lebenshilfe Tirol gegründet und versteht sich seither als Bürger- und Menschenrechtsorganisation.
Am 13. August 1963 – genau um 20 Uhr – gründeten engagierte Sonderschullehrer der Daniel-Sailer-Schule in der Siebererstraße in Innsbruck den Verein Lebenshilfe Tirol. In einer Zeit, in der es noch keine eigene Behindertengesetzgebung gab. Und – wie es Lebenshilfe Tirol Mitbegründer Karl Winkler treffend schilderte – „Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft keine Stellung hatten, nichts wert waren und am Rand der menschlichen Gesellschaft ihr bescheidenes Schattendasein fristeten“. (Anmerkung: Zitat aus der Festschrift „25 Jahre Lebenshilfe Tirol“)
In dieser Zeit war es Karl Winkler, der gemeinsam mit Erich Schaber und Dir. Hans Klingler die Initiative ergriff. In der von ihnen eingerichteten Werkstätte im Keller der Schule wurden Menschen mit Behinderungen mangels Alternativen nach ihrer Schulzeit gefördert und unterstützt. Anfangs ohne Licht, Wasser und Heizung. Dafür mit Perspektive. Es blieb ihnen das Pflegeheim oder die Anstalt erspart. Und sie konnten sich entwickeln. „Den Keller haben wir selber hergerichtet. Arbeit war, Luster zusammenbauen. War nit so fein wie jetzt. Isch a anderer Wind gangen, decht hab ich es gepackt“, so Werner Ried, einer der ersten „Klienten“ der jungen Lebenshilfe (siehe Titelbild).
Wertewandel setzt ein
Es war aber auch dieser frische Wind, der für Veränderung sorgte. In den 1960er Jahren setzte ein allgemeiner Wandel von Werten ein. Die politische und soziale Sensibilisierung der Gesellschaft wuchs und immer mehr gesellschaftliche Akteure stellten sich die Frage, welchen Platz und welche Rolle Menschen mit Behinderungen in der Gesellschaft einnehmen sollten. Bisher schien dieser Platz fix durch Biologie und Euthanasie vorgezeichnet zu sein. In diese Zeit spielte die erste große Öffentlichkeitsaktion des jungen Vereins Lebenshilfe „Gesunde Kinder helfen kranken Kindern“. In
allen Schulen des Landes wurde daraufhin das Thema Menschen mit Behinderungen besprochen und löste eine Sympathiewelle aus. 1970 – nach sieben Jahren Kellerdasein – konnte am Domanigweg die erste Arbeits- und Wohneinrichtung am Stadtrand von Innsbruck bezogen
werden (Anmerkung: 2019 wurde der Standort am Domanigweg aufgelöst). Mit diesem Schritt aus dem Keller heraus war auch der Schritt über die Stadtgrenze hinaus getan. Arbeitsangebote und Wohnstandorte in allen Regionen und Bezirken entstanden.
Aufklärung und Sensibilisierung als Schlüsselfaktoren
Es waren aber nicht die jugendlichen und erwachsenen Menschen mit Behinderungen, die die Lebenshilfe Tirol Ende der 1970er Jahre vor neue Herausforderungen stellten. Es waren Hilferufe von jungen Eltern. „Wir stießen damals immer wieder auf erschütternde Uninformiertheit und Ratlosigkeit bei Eltern von Kindern mit Behinderung“, erinnert sich Vorstandsmitglied Inge Ramsauer an die Situation. „Sie fühlten sich alleingelassen. Enttäuschung, Schuldgefühle und Unsicherheit belasteten die Beziehung zu ihrem Kind“. Hier half keine einmalige Beratung, sondern
nur die Förderung und Begleitung von Kindern und Familien über einen längeren Zeitraum. Zuhause. Engagiert kämpfte die Lebenshilfe Tirol für eine ambulante Erziehungshilfe. Experten gaben ihr Recht. Sie bestätigten, dass die frühestmögliche Förderung von Kindern die Chancen auf eine günstige Entwicklung stark erhöht. Heute ist die Frühförderung und Familienbegleitung längst etabliert. Später
kamen noch vier Integrationskindergärten hinzu, die mittlerweile aller schon aufgelöst wurden, da die Inklusion in den Gemeindekindergärten gut funktioniert.
Gesetzesänderungen bringen neue Perspektiven
1991 trat österreichweit das Unterbringungsgesetz in Kraft. Bis dato wurden allein in Hall in Tirol 130 Menschen mit geistigen Behinderungen in der geschlossen Anstalt verwahrt. Die zwangsweise Unterbringung von psychisch-kranken Menschen wurde neu geregelt. Alle Personen, die nicht akut psychisch erkrankt oder fremdgefährdend waren, wurden aus psychiatrischen. Krankenhäusern entlassen. Aber wohin mit ihnen. Was war zu tun? Schon 1989 sammelte die Lebenshilfe Erfahrungen im Projekt „Ambulant Begleitetes Wohnen“, das als Ergänzung zu den vollzeitbegleiteten Wohnangeboten in Wohnhäusern angeboten wurde. Es war ein Angebot für Menschen mit Behinderungen, die keine rund um die Uhr Begleitung benötigten. Sie wurden nur zu bestimmten Zeiten in der Woche begleitet und konnten weitgehend selbständig ihren Lebensalltag
bestreiten. Zudem konnten Menschen mit Behinderungen in kleinen Wohngemeinschaften leben. Dieses Angebot war innovativ für die damalige Zeit und kam gerade rechtzeitig, wie sich wenig später herausstellen sollte. Gemeinsam mit anderen Trägern gründete die Lebenshilfe Tirol den „Verein zur Integration geistig behinderter Menschen“ (IGB) und nahm sich der Problematik der Ausgliederung von Menschen aus der Psychiatrie Hall an. Mitgetragen wurde die neue Koordinationsstelle vom damaligen Landesrat Walter Hengl. Dank der flächendeckenden Verankerungen und dem Know-How konnte die Lebenshilfe mehr als 25 Personen aus der Psychiatrie übernehmen und begleitende Arbeits- und Wohnangebote stellen. Damit wurden bereits vor über 25 Jahren Ideen realisiert, die mittlerweile Standard in der Integration von Menschen mit Behinderungen sind. Sie finden sich beispielsweise heute in der UN-Konvention oder im Tiroler Teilhabegesetz wieder: Im Recht auf Assistenz zur individuellen Gestaltung des eigenen Lebens.
Inklusion in den Arbeitsmarkt
Ein historisches Datum für die Lebenshilfe Tirol war der 17. Juni 1996. Ein von der EU gefördertes Integrationsprojekt nahm seinen Betrieb auf. Die Kronenstube in Hall. Ein gastronomischer Betrieb, in dem Menschen mit Behinderungen Fähigkeiten erlernen konnten, die ihnen den Einstieg in den Arbeitsmarkt – und damit die Chance auf eine bezahlte Arbeitsstelle – eröffneten. Ende 1997 startete das vom Bundessozialamt finanzierte Projekt „Job Coach“ (später Job.Chance.Tirol). Wenig später erhielten Menschen mit Behinderungen bereits erste Fixanstellungen in der freien Wirtschaft.
Gut in diese Zeit passt ein Passus der seit 1998 in unserer Bundesverfassung steht. „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“. Menschen mit Behinderungen bekamen Rechte. 2008 ratifizierte Österreich die UN-Konvention. Ein neues Zeitalter wurde eingeläutet, das Zeitalter der „Inklusion“.
Die Zukunft liegt in Selbstbestimmung
Inklusion und damit die Teilhabe und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen ist aus der heutigen Zeit nicht mehr wegzudenken. In Zukunft baut die Lebenshilfe Tirol noch stärker auf ambulante Strukturen wie mobile Begleitung beim Wohnen oder in der Freizeit. Somit können die individuellen Bedürfnisse und gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen noch stärker gefördert werden. Die Lebenshilfe Tirol entwickelt aber auch Angebote für die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen, die immer älter werden. Der Inklusionsmotor läuft unermüdlich und sorgt für Bewegung um das „Recht“, dass Menschen mit Behinderungen ihr Leben selbst bestimmen können.
Die Lebenshilfe Tirol ist treibende Kraft in diesem Puls der Zeit. Menschen mit Behinderungen ernst nehmen heißt, sie bei wichtigen Entscheidungen teilhaben und mitreden zu lassen. So gibt es innerhalb der Lebenshilfe Tirol fix verankerte Sprecherstrukturen. Auf Einrichtungsebene, Regionalebene und der Ebene der Gesamtorganisation. Die Sprecher sind „Betriebsräte“ in eigener Sache und machen sich für ihre Anliegen stark. Damit erfüllt die Lebenhilfe Tirol schon heute eine Forderung der UN-Konvention nach Teilhabe und bleibt in einer sich immer schneller drehenden Welt am Puls der Zeit. Wir setzen uns weiterhin dafür ein, dass jeder Mensch seinen selbstverständlichen Platz in unserer Gesellschaft hat. Barrierefrei, selbstbestimmt und erfüllt. Gemäß unserem Motto „Jedem Menschen ein Platz im Leben!“
Sicher Anker in allen Lebenslagen
Auch die Gründerinnen der Lebenshilfe waren beseelt von dem Gedanken, Menschen mit Behinderungen einen Platz in der Gesellschaft zu geben. Eine Möglichkeit, um zu lernen, zu wachsen und sich einzubringen. Sowie alle anderen auch. In den vergangenen 57 Jahren hat die Lebenshilfe Tirol Menschen ermutigt, die unterschiedlichsten Herausforderungen anzunehmen. Von den ersten Heimarbeiten für Firmen und Büros bis hin zur Berufsvorbereitung für die stressige Arbeit in der Gastronomie: Stets haben Menschen mit Behinderungen eine verlässliche Begleiterin zur Seite. „Wir freuen uns, wenn Dinge gelingen. Wir sind aber auch dann da, wenn es Rückschläge gibt, wenn ein Mensch seine Beweglichkeit, Sprache oder Erinnerung verliert“, erklärt Geschäftsführer Georg Willeit und beschreibt, wie aufmerksam Assistentinnen Menschen begleiten, deren Gedankenwelt sie nur erahnen können.
Bedürfnisse und Wünsche erkennen
Menschen mit Pflegebedarf und Angehörige in den entlegensten Winkeln Tirols vertrauen der Lebenshilfe. Sie schätzen die Kompetenz der Assistentinnen, den Einsatz der jungen Zivildiener und die Verlässlichkeit, mit der Begleiterinnen da sind, wenn Unterstützung nötig ist: spät abends, am Wochenende Feiertag oder im Krankheitsfall. Um die Anliegen von Menschen mit Behinderungen sichtbarer zu machen, ermutigt die Lebenshilfe Betroffene, ihre Wünsche auszusprechen: In 600 begleiteten Fachdialogen (Beratungen) zwischen Menschen mit Behinderungen und ihren Bezugspersonen, durch „Märkte der Möglichkeiten“, bei dem Klientinnen und Klienten neue Tätigkeiten ausprobieren können oder durch Einrichtungssprecherinnen und -Sprecher, die gelernt haben, die Anliegen ihrer Kolleg/innen klar weiterzutragen.
Aufmerksam am Puls der Zeit
Genauso aufmerksam verfolgt die Lebenshilfe Tirol gesellschaftliche Veränderungen. Im Austausch mit Partnern aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft ist sie stets offen für neue Ideen, Betätigungsfelder und Kooperationspartner in ganz Tirol. Wo finden Klientinnen und Klienten neue Wohnmöglichkeiten? Welche Trends bestimmen die Arbeitswelt und wo verhindern gesetzliche Regelungen, dass Menschen mit gleichen Rechten und Möglichkeiten ihr Leben gestalten? Die Lebenshilfe zeigt auf, wenn Einsparungen bei der Mindestsicherung drohen, weil die Betroffenen sich allein schlecht wehren können. Und wenn Erwachsene, die voll motiviert mitarbeiten, so wenig verdienen, dass sie ihre Eltern um Unterstützung für eine Zugfahrt bitten müssen. Fortschritt durch Barrierefreiheit „Wir wollen Frühwarner im Sozialsystem sein und uns verbünden, wenn neuerdings nur die Braven, die Fleißigen und Tüchtigen zählen“, erklärt Geschäftsführer Georg Willeit. „Denn wir stehen für die Bunten, die Langsameren, die Schweigsameren und die Lauteren.“ Georg Willeit ist überzeugt, dass ein wertschätzendes Miteinander letztlich jeder
Haus- oder Dorfgemeinschaft zugute kommt. „Wir sind alle einmal aufeinander angewiesen. Und wir profitieren alle, wenn in Tirol schrittweise Hürden und Barrieren abgebaut werden. Als Kinder, als Erwachsene und im Alter“.“
- Mit schwerem Gerät wurde der Putz von den Wänden gekloppft
- Der Keller wurde vom morschen Boden befreit
- Die Daniel-Sailer-Schule
- Klienten legten selbst Hand an
- Der Keller wurde ausgeräumt
- Das erste Logo
- Jede Menge Gerümpel wurde aus dem Keller ins Freie gebracht






